Folge 8: „Dat welle Weivche“

„Et Laijemöbbesje erzählt“

„Dat welle Weivche“

Gude ihr Leut,

als ich vor wenigen Tagen einen kleinen Spaziergang durch die Pulsbach unternahm, stellte ich voller Befriedigung fest, dass die vor einigen Monaten entwendete Marienfigur am „Wellweibches Loch“ wieder ersetzt worden ist. Unbekannte Vandalen hatten die alte Staue, die seinerzeit vom Kesterter Original Karl „Backes“ Diesler dort auf einem kleinen Betonsockel installiert worden war, geklaut. Durch die tatkräftige Mithilfe des Verein Geselligkeit, und der Spende einer neuen Marienstaue durch die Witwe von Karl Diesler konnte dieser einprägsamen, und bei Wanderern beliebten Stelle im wildromantischen Pulsbachtal wieder die entsprechende Würde zurückgegeben werden. 

Lange saß ich als Laijemöbbesje auf der imposanten Felsenkulisse des „Wellweibches Loch“ und dachte an die Zeiten des 30-jährigen Krieges zurück, in denen die gleichnamige Ballade zu diesem Ort entstanden ist. Der aus Prath stammende Pfarrer Wilhelm Reuter hat sie unter dem Pseudonym „Fritz von Nassau“ verfasst. Der Originaltext lautet folgendermaßen:

Dat welle Weivche

„O Gott ihr Lejdcher, de Schwed owe kemmt,

Dä us Hab un Gut, us alles wegnemmt!“

Met Weib un Kenner flicht´t sich de Bau´r,

en et Pulsbachdhol henner Felsenmau´r.

„Zor aale Lind“ en Wirtschaft om Dor,

e wunnerschie, kerngesund Wirtsdochter wor.

„Wot brauch ich en die Pulsbach ze gihn?

De Schwed hot mich gern weil ich lejv in schien.“

„Ich well en hübsche Freier han,

su´n stolze Freier, su´n Reiterschmann.“

En de Pulsbach drunn, wo die Felse su hukk,

do hirt mer allnochts en unglecklich Spuk:

„Mei Vatter eß dud, mein Motter eß dud,

verrore, ermord´t vom Bloud su rud!

O wie, ich ibte su gruße Verrod,

ich fihrte de Schwed de vorborjne Pod!

Wot hot e versproche? Wot eß mei Luhn?

Ha Schemb un Schan nun gräßlicher Huhn.

Er mot mich geschwunge zum Hukzetdanz,

juchhe, em flackernde Flammenkranz.

Hahaa, allhej em dichte Tann,

do eß ä verschwunne, de Reiterschmann.“

„E käm bahl werre? E eß weit fort.

Un läßt us alaan hej om Deiwelsort.“

„Mei Vatter eß dud, mein Motter eß dud,

un ich un mei Bejbche hon kaa Brud!“

Verrore, ermord´t dohin eß mei Rouh,

off iwig deckt kaa Grob mich zou.

Su spukt et bes dämmrig et Felsejoch,

dogsiwer haust et em Wellweibchesloch.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Ende der 1950er Jahre eine ganze Klasse der Kesterter Volksschule im Rahmen des damals noch praktizierten Heimatkundeunterrichtes mit ihrem Lehrer Franz Kipping das „Wellweibches Loch“ nach dem „wellen Weibche“ absuchte. Gefunden haben sie zwar nichts, aber schon viele andere Laijemöbbesjer haben mir von einer verwilderten und zerlumpten Gestalt berichtet, die ihnen in der Pulsbach begegnet ist. Viele Sagen haben halt einen wahren Kern.

In diesem Sinne… Ich hoffe Sie bleiben mir treu.

Ihr Leijemöbbesje    

 

Heimatverein Kestert 2015 e.V.