Folge 15: „Der Gaul“

„Et Laijemöbbesje erzählt“

„Der Gaul“

Gude ihr Leut,

bei einer meiner letzten Wanderungen durch die heimischen Gefilde führte mich mein Weg von den Höhen hinab zum „Gaul“. Jener deutlich sichtbaren Felsbiegung an der Dorfgrenze von Kestert aus, Richtung St. Goarshausen gelegen. Gedankenverloren setzte ich mich auf die Leitplanke gegenüber des im Fels angebrachten St. Georg-Bildstocks, und schaute mir die Landschaft etwas genauer an. 

„Der Gaul – welch interessanter Name“, dachte ich mir. Wo er wohl herkommt? Doch dann fiel es mir dunkel wieder ein. Vor meinem geistigen Auge erschien die Landschaft am Rande von Kestert, wie sie Mitte des 19. Jahrhunderts ausgesehen hatte. Außer einer schmalen Straße, welche diese Bezeichnung eigentlich garnicht verdient hatte, so primitiv schlängelte sie sich rheinaufwärts am Wasser entlang, war dort noch nichts vorhanden gewesen. 

Weinberge säumten den Pfad, und der Bau der „Nassauischen Rheinbahn“ war gerade in Planung. Doch wenige hundert Meter oberhalb des Bildstocks ragte ein großer, überhängender Felsblock in die vorgesehene Bahntrasse hinein. Für den geistreichen Betrachter hatte dieser Fels eine große Ähnlichkeit mit einem springenden Pferd; daher auch der Name „Gaul“. 

Zu groß wäre die Gefahr gewesen, die Eisenbahn unter diesem Überhang drunter hindurch zu bauen. Also musste das Gestein weichen. Während der Bauarbeiten der Rheinbahn zwischen 1856 und 1862 wurde der „Gaul“ schließlich gesprengt. Der Abraum, welcher beim Bau des Gleiskörpers keine Verwendung mehr fand, wurde am Rhein aufgeschüttet. Das dortige Flussbett war damals breit genug, um die gewaltigen Schuttmengen aufnehmen zu können. Später entstand auf dem eingeebneten Abraum ein kleiner Sportplatz für die Jugend. Doch dies ist eine andere Geschichte.

Zurück zum „Gaul“: Den Ursprung der dortigen Gemarkungsbezeichnung konnten die Ingenieure der Wiesbadener Eisenbahngesellschaft zwar beseitigen, und ab dem 22. Februar 1862 war auch Kestert offiziell mit dem stählernen Ross an die große weite Welt angeschlossen, die Bezeichnung selbst jedoch, blieb bis heute erhalten.

Und auch mit dem dortigen Bildstock hat es so seine Bewandtnis. Zeigt er doch den heiligen Georg; den Schutzpatron der Kirche und des Dorfes Kestert. Noch bis in die 1950er Jahre war es guter Brauch, in der Sylvesternacht dort hin zu pilgern, und als Dank für den Schutz des letzten Jahres eine Flasche Wein an dem umgebenden Fels zu zerschmettern… „St. Georg sei Dank“, dass durch den damals schon stark zunehmenden Autoverkehr dabei niemand zu Schaden gekommen ist. Heutzutage wäre dies durch die unverändert schlecht einsehbare Kurve mit nicht kalkulierbaren Gefahren verbunden. Aber vielleicht entschließt sich ja der eine oder andere Kesterter, bei der nächsten Neujahrfeier unseren Patron Georg einen Besuch abzustatten. Denn dies kann man auch gefahrlos vom gegenüber liegenden Bürgersteig aus tun. So wie ich jetzt gerade…

In diesem Sinne… Ich hoffe Sie bleiben mir treu.

Ihr Leijemöbbesje    

 

Heimatverein Kestert 2015 e.V.